Standortbestimmung



Authentizität. Wahrhaftigkeit. Schon klar. Es ist passiert. Es IST passiert. Ganz sicher. In Ermangelung von adäquaten Schreckensbildern wird dann gerne mal auf "Ersatzmaterial" zurückgegriffen. Spurensicherer bei der Arbeit ("wir sind so analytisch"), Geranienarrangements ("hier lauert das Grauen hinter der Fassade"), gerne auch öffentliche kollektive Trauer ("wir sind so solidarisch").
Seit einiger Zeit finden sich immer wieder auch Satelitenbilder der Tatorte in der medialen Berichterstattung (Screenshot von Spiegel-Online), was durchaus aufschlussreich für die Auseinandersetzung mit (außergewöhnlich brutalen und komplexen) Straftaten sein mag: Das Moment des Überblicks scheint dabei der Strukturlogik des Berichtens im Allgemeinen zu folgen, die Tatsache, dass dieser spezifische Überblick nun jedoch kein Überblick über die Fakten des Verbrechens (die meist erst sehr zeitverzögert der Presse zugänglich gemacht werden), sondern ein kartographischer sein will, ist dagegen von spezifischem Interesse. Die Vermessung der Welt. Die Vermessung des Bösen. Wäre es spitzfindig anzumerken, dass der Standpunkt des Beobachtens bei der Satelitenerfassung quasi maximal vom Ort des Grauens entfernt wird, im wahrsten Sinne des Wortes "nicht von dieser Welt" ist? Distanzierungsmechanismen sind nun mehr oder minder elementar in Bezug auf die Auseinandersetzung mit "dem Bösen", meist handelt es sich aber eher um moralische ("wie kann ein Menschin in der Lage sein so etwas zu tun?") oder psychologische (die Rede vom "Unvorstellbaren", die eben nur deshalb funktioniert, weil die beschriebenen Sachverhalte eben doch vorstellbar sind) Distanzierungen, nicht um geographische. Der Satelit fügt sich als illustrativer Vermessungsgegenstand wunderbar in eine Diskussion um regionaltypische Gewaltvebrechen ein. Die ostdeutsche Säuglingsmörderin. Der belgische Kinderschänder. Der östereichische Kerkercapo. Schwierig, das. Und höchst spannend. Das Bild der "Seelenlandschaft" scheint weiter nuanciert zu werden.

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